Heft 55: Un-Bewusstes – Un-Gewusstes
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Heft Nr. 55 • April 2026 • SCHWERPUNKT: Un-Bewusstes – Un-Gewusstes


Inhalt (Auszug):
Gerhard Wehr: Pioniere des Unbewussten (1)
Hans Knoll: Pioniere des Unbewussten (2) | S. Freud und C. G. Jung
Pioniere des Unbewussten (3) C. G. Jung
Verena Kast: Wie wird das Unbewusste zugänglich?
Bernd Leibig: Das Un-Gewusste
Ralf T. Vogel: Die Seele als Geheimnis | Psychotherapiewissenschaftliche Überlegungen zu den Grundlagen des Jungianischen
Ernst Peter Fischer: Das Geheimnisvolle - Das schönste Gefühl, das Menschen erleben können
Alexandra Kleeberg: Das unerschöpfliche Potenzial archetypischer Gruppentherapie – Heilsames Miteinander in einer verletzten Welt
Gideon Horowitz: Die beiden Uralten, die alles wussten | Un-Gewusstes und Un-Bewusstes im Märchen
Jörg Rasche: Das Unbewusste in der Gesellschaft
Kristina Schellinski: C. G. Jung als Ersatzkind
FÜR SIE GESEHEN
Dieter Volk: Was vom Tage übrig blieb
GLOSSE
Bernd Leibig: Gerontozyten
Hans Knoll: Pioniere des Unbewussten (2) | S. Freud und C. G. Jung
Pioniere des Unbewussten (3) C. G. Jung
Verena Kast: Wie wird das Unbewusste zugänglich?
Bernd Leibig: Das Un-Gewusste
Ralf T. Vogel: Die Seele als Geheimnis | Psychotherapiewissenschaftliche Überlegungen zu den Grundlagen des Jungianischen
Ernst Peter Fischer: Das Geheimnisvolle - Das schönste Gefühl, das Menschen erleben können
Alexandra Kleeberg: Das unerschöpfliche Potenzial archetypischer Gruppentherapie – Heilsames Miteinander in einer verletzten Welt
Gideon Horowitz: Die beiden Uralten, die alles wussten | Un-Gewusstes und Un-Bewusstes im Märchen
Jörg Rasche: Das Unbewusste in der Gesellschaft
Kristina Schellinski: C. G. Jung als Ersatzkind
FÜR SIE GESEHEN
Dieter Volk: Was vom Tage übrig blieb
GLOSSE
Bernd Leibig: Gerontozyten
Liebe Leserinnen und Leser,
Das Bewusstsein, unbekümmert wie umfangreich es auch sein mag, ist und bleibt der kleinere Kreis, enthalten im größeren des Unbewussten, die Insel, umschlossen vom Ozean; und wie das Meer, so gebiert auch das Unbewusste eine unendliche und stets sich erneuernde Fülle von Lebewesen, deren Reichtum nicht beizukommen ist. Man kann längst von der Bedeutung, den Wirkungen und Eigenschaften der unbewussten Inhalte unterrichtet sein und hat deren Tiefe und Möglichkeiten doch nie ergründet.
Jung, GW 16, § 366
Jung, GW 16, § 366
Die Einsicht in die eigentlich offensichtliche Tatsache, dass wir alle sehr wenig wissen und nur sehr wenig wissen können, scheint erstaunlicherweise seit Sokrates immer noch nicht zum Allgemeingut der Menschen geworden zu sein. Immer noch glauben wir, dass unsere Ansichten und Glaubenssysteme „richtiger“, „besser“ und „wahrer“ sind, als die unserer Mitmenschen. Unser Schulsystem beruht in hohem Maße auf einem „Richtig- und Falsch-Denken“, wodurch es uns sehr schwerfällt, kreativen Frei- und Spielraum für Fantasien und Paradoxien zu entwickeln. Wir schämen uns, wenn wir für unwissend und dumm gehalten werden, wenn wir wieder einmal Fehler gemacht, etwas nicht gewusst oder nicht verstanden haben.
Insofern können wir verstehen, warum Sigmund Freud seinerzeit eisiges Schweigen und em- pörte Widerstände erntete, als er versuchte, darzustellen, dass wir in vielerlei Hinsicht nicht die „Herren und Herrinnen im eigenen Haus“ sind. Wir werden von Trieben, Affekten, Komplexen und unbewussten Denk- und Vorstellungsmustern weit mehr gesteuert, als wir wissen. Selbst in der akademischen Psychologie wurde die Dimension des Unbewussten und des Ungewussten lange Zeit verleugnet, bis endlich die Neurowissenschaften klar machten, dass unbewusste Ab- läufe in unserem Organismus eine zentrale Bedeutung haben. Das gilt für alltägliche Handlungen wie auch für körperliche, kognitive und kreative Prozesse.
Was wissen wir wirklich über uns, darüber, wer wir sind, und welche Einflüsse unser Leben geformt haben? Kaum etwas, wenn wir ehrlich sind. Wir haben einen eigenartigen‚ „blinden Fleck“ in Bezug auf uns selbst. Wir sind eine eigentümliche, niemals ganz zu analysierende und zu verstehende Mischung aus Genetik, Gesellschaft und Sprache, Lernerfahrungen und vielen zufälligen Ereignissen. Jeder von uns ist ein individuelles, einzigartiges „Experiment“ des Lebens, das in seiner eigenen Welt lebt, die kaum von irgendjemandem wirklich verstanden oder nach- empfunden werden kann. Auch Gesellschaften beruhen auf unbewussten Dynamiken: Kollektive Ängste, verdrängte Schuld, unausgesprochene Sehnsüchte und unbewusste Narrative struktu- rieren politische Diskurse, kulturelle Selbstbilder und soziale Konflikte. Was nicht integriert wird, kehrt wieder – als Polarisierung, Projektion oder Radikalisierung. Das Unbewusste wirkt nicht nur im Individuum, sondern auch im Zwischenraum von Menschen, Gruppen und Kulturen.
In dem berühmten „Face-to-Face“-Interview (1959) sagte Jung:
Wir benötigen eine größere Kenntnis der menschlichen Natur, denn die einzige wirkliche Gefahr, die es gibt, ist der Mensch selbst. Er stellt die große Gefahr dar, und es ist bedau- erlich, dass wir uns dessen so wenig bewusst sind. Wir wissen nichts über den Men- schen, jedenfalls viel zu wenig. Seine Psyche muss erforscht werden, denn der Ursprung allen zukünftigen Übels liegt in uns.
Wenn wir die Weltsituation betrachten, können wir Jung nur bestätigen: Wir haben noch sehr wenig über den Menschen und seine Psyche verstanden und verantwortungsvoll umgesetzt. Ein Zeichen dafür ist, z. B. dass Psychologie noch kein Hauptfach in der Schule ist, so, als würde jeder Mensch sich fast wie selbstverständlich mit der Psyche auskennen.
wenigstens einige bewusst gemacht werden könnten, bezieht sich das epistemische/ontologische Ungewusste auf jene Aspekte der Wirklichkeit, des Selbst oder der Welt, die prinzipiell außerhalb der Reichweite bewusster Erkenntnis liegen – unabhängig von psychischer
Abwehr oder individueller Geschichte.
Spätestens seit Kant ist klar, dass wir die Wirklichkeit „an sich“ nicht unmittelbar und direkt erkennen können, weil unsere Erkenntnismöglichkeiten durch unsere Sinnesorgane und durch die Eigenart unseres neuro-psychischen
Funktionierens bestimmt und begrenzt werden. Das, was wir wahrnehmen und kennen, sind nicht wir selbst, die Welt und die Wirklichkeit
„an sich“, sondern es handelt sich um Zeichen, Symbole, Modelle und Konstrukte, die sich im Laufe der Evolution als überlebensförderlich
herausgestellt haben.
Wir leben in einer Welt von Tönen, Farben und Formen, von Bildern, Begriffen und Vorstellungen, die es außerhalb dieser Gestaltungsformen
in dieser Weise gar nicht gibt und deren „wahre“ Natur wir niemals erfassen können. Das Einzige, was wir wirklich erfahren, fühlen
und erkennen, ist unsere psychische Realität, das, was uns durch die „Software“ unserer psychisch-neuronalen Prozesse vermittelt
wird. Dies gilt für die Wahrnehmung der äußeren Welt und unserer Mitmenschen wie auch für uns selbst.
Im Grunde genommen sind wir dermaßen in psychische Bilder eingehüllt, dass wir zum Wesen der Dinge außer uns überhaupt nicht vordringen können. Alles, was wir je wissen können, besteht aus psychischem Stoff. Psyche ist das allerrealste Wesen, weil es das einzig Unmittelbare ist.
(Jung GW 8, § 680)
In dieser Einsicht in unsere Begrenztheit liegt zum Glück auch ein überraschendes Befreiungspotenzial verborgen. Stellen wir uns vor, wie es wäre, wenn wir einander ehrlich zuge- ben würden, dass wir eigentlich von uns selbst wie auch vom „Großen Ganzen“ fast nichts wissen, auch nicht wissen können, und endlich dieses ewige Besserwissen und Rechthaben-Wollen-Müssen wegfiele.
Wir könnten entspannter, einfacher, ehrlicher, offener, neugieriger, fragender, staunender, spielerischer, kreativer, freudiger und humorvoller auf das Wunder unseres Daseins reagieren.
Das erinnert an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, in dem es ein Kind ist, das zu sagen wagt, was alle anderen eigentlich auch schon sehen: „Du hast ja gar nichts an!“ Im Zen-Buddhismus wird diese Haltung als „Anfänger-Geist“ bezeichnet, zu dem wir zurückfinden könnten. Und in Hermann Hesses Individuationsroman Siddhartha entdeckt dieser, welche wunderlichen Umwege er in seinem Leben nehmen musste, um wieder Kind werden zu können.
Das erinnert an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, in dem es ein Kind ist, das zu sagen wagt, was alle anderen eigentlich auch schon sehen: „Du hast ja gar nichts an!“ Im Zen-Buddhismus wird diese Haltung als „Anfänger-Geist“ bezeichnet, zu dem wir zurückfinden könnten. Und in Hermann Hesses Individuationsroman Siddhartha entdeckt dieser, welche wunderlichen Umwege er in seinem Leben nehmen musste, um wieder Kind werden zu können.
Nun, dachte er, da alle diese vergänglichen Dinge mir wieder entglitten sind, nun stehe ich wieder unter der Sonne, wie ich einst als kleines Kind gestanden bin, nichts ist mein, nichts kann ich, nichts vermag ich, nichts habe ich gelernt. Wie ist dies wunderlich! Jetzt, wo ich nicht mehr jung bin, wo meine Haare schon halb grau sind, wo die Kräfte nachlassen, jetzt fange ich wieder von vorn und beim Kinde an!
Wieder musste er lächeln. Ja, seltsam war sein Geschick! Es ging abwärts mit ihm, und nun stand er wieder leer und nackt und dumm in der Welt. Aber Kummer konnte er nicht empfinden, nein er fühlte sogar großen Anreiz zum Lachen, zum Lachen über sich, zum Lachen über diese seltsame, törichte Welt.
Siddhartha sieht aber auch, dass alle seine Illusionen und Täuschungen unvermeidlich, notwendig und richtig waren. Er erkennt, dass er durch so viel Dummheit, durch so viele Laster, durch so viel Irrtum, durch so viel Ekel und Enttäuschung und Jammer hindurchgehen musste, um wieder wie ein Kind werden und neu anfangen zu können. „Aber es war richtig so, mein Herz sagt ja dazu, meine Augen lachen dazu.“
Jetzt endlich kann er seine alten Vorstellungen loslassen, er braucht nicht mehr irgendwie besonders und großartig zu sein. Und er entdeckt, dass er damit keineswegs, wie befürchtet, alles verloren, sondern alles gewonnen hat. So kann man ihn am Ende am Fluss sitzen sehen, vom „Lauf des Wassers“ lernend und die Einheit und Ganzheit des Lebens staunend erfahrend.
Jetzt endlich kann er seine alten Vorstellungen loslassen, er braucht nicht mehr irgendwie besonders und großartig zu sein. Und er entdeckt, dass er damit keineswegs, wie befürchtet, alles verloren, sondern alles gewonnen hat. So kann man ihn am Ende am Fluss sitzen sehen, vom „Lauf des Wassers“ lernend und die Einheit und Ganzheit des Lebens staunend erfahrend.
So wünschen wir Ihnen und uns, dass dies auch uns möglich sein wird.
Ihre Anette und Lutz Müller
für das Redaktionsteam
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