| Heft-Nr. 26: Woher kommt die Zukunft |
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![]() Heft Nr. 26 • August 2011 Schwerpunkt:
Woher kommt die Zukunft? Leseprobe:
Liebe Leserinnen und Leser,
es ist vermutlich richtig, dass es vor allem die intuitiven Menschen sind, die sich besonders für die Analytische Psychologie interessieren, denn keine andere Psychologie und Therapieform bietet dem Intuitiven soviel Frei- und Spielräume. Zwar hat die Analytische Psychologie ein Janus-Gesicht, wie die Psyche auch: Sie schaut in ferne Vergangenheit, fragt nach den archetypischen, evolutionären Aspekten der Psyche, sie schaut aber auch genauso fasziniert und forschend in die Zukunft. Sie weiß, dass genau dieses Unbewusste, dieses Selbst, das seinen Ursprung viele Millionen Jahre zurück hat, in diesem Augenblick gegenwärtig unser Verhalten und Erleben bestimmt und zugleich die Quelle alles Schöpferischen in der Zukunft ist. Unser Leben ist ja dasselbe, wie es seit Ewigkeiten war. Es ist jedenfalls in unserem Sinne nichts Vergängliches, denn dieselben physiologischen und psychologischen Prozesse, wie sie dem Menschen seit Hunderttausenden von Jahren eigneten, dauern immer noch an und geben dem inneren Gefühl tiefste Ahnung einer «ewigen» Kontinuität des Lebendigen. Unser Selbst als ein Inbegriff unseres lebenden Systems enthält aber nicht nur den Niederschlag und die Summe alles gelebten Lebens, sondern ist auch der Ausgangspunkt, der schwangere Mutterboden alles zukünftigen Lebens, dessen Vorahnung dem inneren Gefühl ebenso deutlich gegeben ist, wie der historische Aspekt. Nach Auffassung mancher heutiger Wissenschaftler kennt die Evolution keine Gerichtetheit auf ein bestimmtes konkretes Ziel hin, aber dennoch gibt es ganz offensichtlich eine starke schöpferische Dynamik in vielen Menschen, insbesondere eben den intuitiven. Etwas treibt sie nach vorn, in die Veränderung, in die Zukunft, lässt sie hoffen und sehnen und sich neue Perspektiven ausgestalten. Sie sind mit dem Alltäglichen, schon Bekannten und Gegebenen nicht zufrieden, sie suchen nach dem, was noch möglich sein könnte.
Fast allen schöpferischen Menschen ist dabei evident, dass sie auf das Neue und Schöpferische keinen beliebigen Zugriff haben, sondern dass sie immer wieder auf unbewusste inspirative und intuitive Impulse (Ahnungen, Einfälle, Eingebungen, Fantasien, Träume, Visionen, „Offenbarungen", „Erleuchtungen", innere Stimmen, den „inneren Daimon", die „selige Sehnsucht") angewiesen sind. Dieses Unbewusste als „Ort" des Heilenden, Ganzmachenden, Schöpferischen zu nutzen, spielt dementsprechend in der Individuation und im psychotherapeutischen Prozess, so wie sie die Analytische Psychologie idealerweise anstrebt, eine große Rolle. Zum einen achtet sie auf die kompensatorischen und prospektiven Signale, und sie sucht die Ressourcen der Klienten in den Sehnsüchten, Wünschen, Fantasien und Träumen zu finden. Zugleich regt sie deren kreative Fähigkeiten durch Malen, Spielen, Imaginieren usw. an, also die sog. „transzendente Funktion", die Bewusstes mit Unbewusstem verbindet. Woher kommt also die Zukunft des Einzelnen wie der Gesellschaft? Sie kommt sicher, wenn wir nur die humanen Einflüsse berücksichtigen, zum ganz großen Teil aus den unbewussten Motivationen und Energien der Psyche des Menschen, die sich positiv oder auch destruktiv manifestieren können, je nachdem, wie wir zum Unbewussten eingestellt sind und wie wir fähig sind, mit ihnen umzugehen. Diesen Gefahren und Möglichkeiten ist dieses Heft gewidmet. Zugleich sollen die zahlreichen Zitate von C. G. Jung, die Sie ganz besonders in diesem Heft finden werden, daran erinnern und bewusst halten, wie revolutionär und zukunftsweisend die vom ihm begründete Analytische Psychologie auch heute noch ist, genau 50 Jahre nach seinem Tod. In den jetzigen sehr schwierigen, aber auch sehr aufregenden Krisen- und Wendezeiten wünschen wir Ihnen Hoffnung und Vertrauen auf die schöpferischen und selbstregulativen Kräfte des individuellen wie kollektiven Unbewussten. |






