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Verlag Opus Magnum


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Heft-Nr. 35 Das Schöpferische Drucken E-Mail
Heft 35 gross

Heft Nr. 35  •  März 2016

Schwerpunkt:

Das Schöpferische
 
Leseproben:  1.) Editorial
                      2.) Das Schöpferische als Zentralproblem der Psychotherapie
 
Liebe Leserinnen und Leser,
 
das Schöpferische, in der Analytischen Psychologie ein vertrauter Begriff, wird in der Sprache unserer Zeit meist als das Kreative bzw. die Kreativität bezeichnet. Kreativität wiederum geht zurück auf creare: neu schöpfen, genauer: etwas vorher nicht da Gewesenes schaffen, erschaffen, hervorbringen, erzeugen; auch zeugen und gebären, ins Leben rufen, verursachen und bewirken, erfinden, herstellen, zudem kann es bedeuten: erwählen, ernennen.
  
Manchmal wird in der Kreativitätsforschung auch auf das lateinische crescere (wachsen, nach und nach hervorkommen, zunehmen, anfangen, sich mehren, erweitern) als etymologischer Hintergrund für creare hingewiesen. Im crescere ist das prozesshafte, natürliche Werden und Wachsen etwa bei Kindern und Pflanzen betont, das auch der Ruhe, der Passivität, des Wartens und des Geschehenlassens bedarf. Es stellt den anderen Pol des Schöpferischen zu der im creare betonten Aktivität dar.

In principio creavit Deus caelum et terram: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde (Genesis 1.1) – die meisten Leser kennen den lateinischen Begriff und seine deutsche Übersetzung aus dem biblischen Schöpfungsmythos. Die Schöpfung und das Schöpferische beschäftigen die Menschen solange wir wissen; in ihren Schöpfungsmythen suchen sie danach, das Rätsel ihrer Existenz und des Kosmos zu begreifen.

Zentrales Merkmal der alten mythologischen Bilder wie auch der moderneren Vorstellungen von Schöpfungsakten: Aus einem anfänglichen Chaos entsteht ein geordneter Kosmos, aus dem Dunkel das Licht, Schöpfung und Zerstörung wechseln sich ab, das eine geht aus dem anderen hervor, vergeht wieder oder geht in eine neue Form über.

Ständige polare Bewegtheit und Veränderung ist eines der wichtigsten Kennzeichen alles Lebendigen. Anfang und Ende, Werden und Vergehen, Aufbau und Zerstörung, Geborenwerden und Sterben, Aktivität und Passivität, Flexibilität und Stabilität, Loslassen und Festhalten, Trennen und Binden, sind – neben vielen anderen - fundamentale Polaritätspaare, zwischen denen sich das Leben ereignet.

Heraklit hatte als einer der frühen Philosophen der Antike den ewigen Widerstreit und Wandel der Gegensätze, die sich ineinander enthalten, vermischen und immer wieder neu trennen und ausdifferenzieren als Grundprinzip allen Seins aufgefasst.

Ihre umfassendste Ausprägung fand die Einsicht in den schöpferischen Prozesscharakter des Seins vielleicht im Taoismus. Aus der unaufhörlichen polaren Bewegung (Yin/Yang) des Tao und seinen fortwährenden Wandlungen entstehen die „zehntausend Dinge“. Die Dinge und ihr Verlauf werden als sich selbst ordnend und sich selbst in ihrer Natur entfaltend und verwirklichend angesehen.

Das Schöpferische, anfänglich vor allem göttlichen und kosmischen Wirkkräften und -mächten und den Energien der Natur zugeschrieben, wurde im Laufe der Zeit auch in der Psyche des Menschen gesehen; der griechische Daimon sowie der lateinische Genius können als mythologisches Bild für die Verbindung zwischen schöpferischem Gott und schöpferischem Menschen aufgefasst werden.

Als göttlicher, im allgemeinen wohlwollender Einfluss auf den Menschen und sein Schicksal begleitete der Daimon den Menschen. Sokrates bezeichnete ihn als innere Stimme göttlicher Herkunft, die auch über den Logos hinausgehendes Erkennen möglich mache. Dieser inneren Stimme zu folgen über die menschlichen Gesetze hinaus, führte schließlich zur Anklage und zum Todesurteil gegen ihn.

In Rom wurde der Genius als Schutzgeist des Mannes aufgefasst, der über dessen Persönlichkeit und Zeugungskraft wachte und in schwierigen Lebenslagen Unterstützung in Form von Lösungsideen bieten konnte. Dargestellt wurde der Genius meist mit einer Opfer- schale und mit dem Füllhorn, öfter auch die Genien als geflügelte Wesen.

Der Daimon bzw. Genius wurde den besonders begabten, schaffenden, schöpferischen Menschen, Philosophen, Künstlern, Wissenschaftlern aller Kulturen zugeschrieben. In ihnen vereint sich vermutlich, dass sie zur unbewussten Psyche hin etwas offener sind als ihre Mitmenschen, dass sie zugleich imstande sind, ihren schöpferischen Fantasien Gestalt zu geben und sie soweit auf die Realität hin zu beziehen, dass sie dort nicht unbedingt sofort verstanden, aber doch zumindest einen gewissen Wert zugeschrieben bekommen.

Seit der Renaissance wurde der Genie-Begriff in Europa heftig diskutiert: Ein Mensch, der als Genie bezeichnet wurde, verfüge über ein angeborenes Talent, über Inspiration und vor allem: ein Genie bilde nicht nur nach, was die Natur schuf, sondern vollende in der Kunst, was die Natur nicht vollenden konnte. Andererseits wird seit Kant dem Genie zugeschrieben, dass es, selber Natur, der Kunst die Regel vorschreibe.

Für Goethe war in seiner Sturm- und Drangphase Prometheus Ausdruck des Genies, in seiner klassischen Zeit rückte wohl der Faust (des 2. Teils) an diese Stelle.

Die Romantiker sahen den Menschen im Naturzustand als Genie an, und es ging darum, diesen zu erhalten bzw. ihn zurückzugewinnen. W. v. Humboldt klassisches Bildungsideal kann aufgefasst werden als Aufruf, jedem Menschen Zugang zu seinem Genie zu ermöglichen und das Genie jedes Menschen durch Bildung zu fördern.

In der Psychologie des 20. Jahrhunderts wurde die Diskussion um Kreativität zu einem großen Teil in der Persönlichkeitspsychologie, in der Intelligenz- und in der Hochbegabtenforschung geführt.

Entgegen der Vorstellung, Kreativität bedürfe eines Genius, einer besonderen Intelligenz, ging J. P. Guilford, der sich im Rahmen seiner Intelligenzforschung auch mit Kreativität beschäftigte, davon aus, jeder Mensch sei kreativ, weil Kreativität eine Form zu denken sei.

Er unterschied konvergentes, d.h. sich einem konkreten, umrissenen Problem annäherndes Denken vom divergenten Denken, dem möglich ist, in viele Richtungen, also auch gegensätzlich bzw. polar zu denken. Unschwer ist in dieser Unterscheidung Guilfords die Polarität des gerichteten und ungerichteten bzw. des bewussten und des unbewussten Denkens, des logischen, zielgerichteten und des frei fließenden assoziativen Denkens zu erkennen, wie sie in der Tiefenpsychologie und der Humanistischen Psychologie beschrieben wird.

Kreativität, die sich beide Formen des Denkens zunutze macht, zeichnet sich dadurch aus, dass viele und originelle Ideen zu einer Sache hervorgebracht werden, die auch die gewohnten Wege und Regeln des Denkens verlassen können. Bereits Bekanntes kann in neue Zusammenhänge gesetzt werden. Zugleich besteht die Fähigkeit der Elaboration, d.h. neue Ideen können sinnvoll in die Realität eingefügt werden. A. F. Osborn hatte schon 1939 mit seinem Brainstorming diesen Weg zur Förderung von kreativen Leistungen gefunden.

Aktuell besteht in Wirtschaft, Technik, Politik und Öffentlichkeit scheinbar ein hoher Bedarf an Kreativität, oft als Innovationsdruck erlebt – Forschung und Entwicklung sollen die ersehnten Innovationen und den damit verbundenen Fortschritt und Wandel ermöglichen. Es ist, als hätte auch unsere Zeit eine Ahnung von Goethes Gestaltung, Umgestaltung / Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung oder vom Heraklitschen Gesetz der Enantiodromie.

Ein Zuviel an traditionellen und strukturierenden Kräften kann hemmend sein. Das kennen wir aus Lebensphasen, in denen unser Sicherheits- und Ordnungsbedürfnis spontane Lebensimpulse so unterdrückt hat, dass unser Leben nur noch in monotoner Routine verläuft.

Ebenso schädlich kann ein Zuwenig an Struktur und Grenze sein. Das ausgewogene Wechselspiel zwischen wachstumsnotwendiger Offenheit und einschränkender Strukturbildung ist nicht nur die entscheidende Grundlage für alle geistig-schöpferischen Vorgänge, sondern für das gesunde Funktionieren aller lebendigen Systeme und Organisationsformen überhaupt.

Lange Zeit scheint das Schöpferische als das Hervorbringen großer spiritueller, philosophischer, künstlerischer und wissenschaftlicher Leistungen an Individuen geknüpft gewesen zu sein, an Kulturheroen bzw. an Große Einzelne, um mit Neumann zu formulieren. Spätestens seit den barbarischen Anführern des 20. Jahrhunderts allerdings können wir nicht mehr so leicht in die begnadeten Genies und großen Einzelnen als Träger des Fortschritts projizieren.

Seit der Aufklärung, der Einführung der demokratischen Systeme und der Entdeckungen der Tiefenpsychologie wissen wir, dass wir Verantwortung für unseren je eigenen Daimon und dessen schöpferische Energie übernehmen müssen. Die unbewusste, ungeformte archetypische Energie der Psyche bedarf der bewussten Gestaltung durch jeden Einzelnen, um nicht den Einzelnen als Teil eines größeren Kollektivs mitzureißen und zu verschlingen, so könnte die Position der Analytischen Psychologie gegenüber dem Schöpferischen formuliert werden.

Die Psyche erschafft täglich die Wirklichkeit. Ich kann diese Tätigkeit mit keinem anderen Ausdruck als mit „Phantasie“ bezeichnen. Die Phantasie ist ebenso sehr Gefühl wie Gedanke, sie ist ebenso intuitiv wie empfindend. Es gibt keine psychische Funktion, die in ihr nicht ununterscheidbar mit den anderen psychischen Funktionen zusammenhinge. Sie erscheint bald als uranfänglich, bald als letztes und kühnstes Produkt der Zusammenfassung alles Könnens. Die Phantasie erscheint mir daher als der deutlichste Ausdruck der spezifischen psychischen Aktivität. Sie ist vor allem die schöpferische Tätigkeit, aus der die Antworten auf alle beantwortbaren Fragen hervorgehen, sie ist die Mutter aller Möglichkeiten, in der auch, wie alle psychologischen Gegensätze, Innenwelt und Außenwelt lebendig verbunden sind.
Jung, GW 6, § 78

Jung und Neumann haben den Einbruch des Archetypischen und den schöpferischen Umgang damit eindrücklich in ihren theoretischen Schriften beschrieben: Krise, Not und Stillstand, Regression ins Kinderland der Seele (vgl. Jung GW 5) bzw. Nachtmeerfahrt (ebd.) und Gewinnung der Transzendenten Funktion (vgl. Jung GW 8); Kontaktaufnahme mit dem matriarchalen Bewusstsein aus einer erstarrten Bewusstseinshaltung heraus mit dem Ziel, eine neue, schöpferische Einstellung zu gewinnen und ein schöpferisches integrales Bewusstsein zu erreichen (vgl. Neumann, Ursprungsgeschichte des Bewusstseins).

Daraus ist eine Vielfalt von therapeutischen Arbeitsmöglichkeiten entstanden (Traumarbeit, Aktive Imagination, Malen, Arbeit mit Stein u.a. Materialien u.a. Formen des Gestaltens aus dem Unbewussten), die auch als Methoden zur Selbsterfahrung, Selbsterkenntnis und Individuation genutzt werden können. Schon in den 30er Jahren war Jung sich offenbar – nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Erfahrungen – sicher:

Der schöpferische Weg ist der Beste, dem Unbewußten zu begegnen. Denken Sie sich z.B. eine Phantasie aus und gestalten Sie sie mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden Kräften. Gestalten Sie sie, als wären Sie selber die Phantasie oder gehörten zu ihr, so wie Sie eine unentrinnbare Lebenssituation gestalten würden. Alle Schwierigkeiten, denen Sie in einer solchen Phantasie begegnen, sind symbolischer Ausdruck für lhre psychischen Schwierigkeiten und in dem Maße, wie Sie sie in der Imagination meistern, überwinden Sie sie in Ihrer Psyche.
Jung, Briefe I, S. 146

Wir wünschen Ihnen Freude an und Mut zu
creare und crescere.
 
Ihre
Anette und Lutz Müller
 

 

Das Schöpferische als Zentralproblem der Psychotherapie
Erich Neumann

Leicht gekürzte Fassung. Erstmals erschienen in: Acta psychother. 8: 351-364 (1960). Diese und andere Texte von E. Neumann können kostenlos bei www.opus-magnum.de heruntergeladen werden.
 
Das Vorhandensein der verschiedensten therapeutischen Schulen ist im wesentlichen Ausdruck eines gegenseitigen Sich-nicht-Verstehens. Die Sprachverwirrung, die uns alle befallen hat, schreitet immer weiter fort, indem jeder seine Erfahrung neu und seiner Natur gemäß zu formulieren bemüht ist oder aber eine allgemeine Terminologie benutzt, welche die Verschiedenheit dessen, was der Einzelne meint, zwar verdeckt aber keineswegs aufhebt.
 
Meine heutige Bemühung geht nun dahin, ein Grundphänomen unserer Erfahrung, das Schöpferische, aus den Verkleidungen und Begriffen der Analytischen Psychologie herauszuschälen, um zu verdeutlichen, inwiefern sich das Schöpferische als Zentralphänomen der Psychotherapie erweist.
 
Es sollte möglich sein, unsere Erfahrung in einfachen Worten zu übermitteln; das Umgekehrte ist der Fall. Die Schwierigkeit sich verständlich zu machen wird evident, wenn wir erkannt haben, wie wenig die Sprache, außer wo sie dichterisch ist, imstande ist, die Wirklichkeit unserer Erfahrung zu fassen. Deswegen ist es, so scheint mir, nur der Ausdruck der uns zustehenden Bescheidenheit, Bilder des Menschen, der Psyche und ihres Seins in der Welt zu entwerfen, über deren Vorläufigkeit wir uns klar sind. Aber auch wenn wir darauf verzichten, uns selber „endgültig“ formulieren zu können, sollten wir heute die Gefahr erkennen, die darin liegt, das von der Tiefenpsychologie entworfene Bild vom Menschen aufzugeben. Psychologe zu sein, besagt für mich, ich weiß etwas vom Sein, insoweit ich etwas von mir und vom Menschen weiß, der in der Welt lebt. Das schöpferische Sein wird mir erfahrbar als schöpferisches Wesen der Psyche in mir und mit mir, als Selbst, Du und Welt. Die als Gegenschlag gegen die Psychoanalyse notwendige Akzentuierung der Ich-Psychologie hat fast dazu geführt, die ich-überlegenen unbewussten Faktoren der Psyche zu vergessen und sogar zu glauben, der Mensch sei, was er „mache“.
 
Selbstregulation
Wenn wir versuchen, dieses Phänomen allgemeiner zu formulieren, stoßen wir auf den für die Entwicklung des Bewusstseins und seine Verteidigung notwendigen Prozess der Abwehr des Numinosen als einer mit dem schöpferischen Wesen der Psyche verbundenen Gefahr. Diese paradoxe Situation des menschlichen Bewusstseins, zwischen dem chaotischen Überschwemmtwerden durch psychische Inhalte und der Starre einer das Lebendige des Daseins ausschließenden Über-Rationalisierung den schöpferischen Mittel-Weg zu finden, ist die Grundsituation, in welcher alle Psychotherapie sich vorfindet.
 
Die Grunderfahrung der Analytischen Psychologie ist die der psychischen Kompensation zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, d. h. die Einsicht, dass die menschliche Psyche wie der Organismus eine sich selber regulierende Ganzheitsstruktur darstellt. Diese Ganzheit, deren Symbol als „ Selbst“ bezeichnet wird, konstelliert das Ich, d. h. den Menschen, so wie er sich bewusst vorfindet, als abhängig von einem ihm Vorgegebenen und ihn Umfassenden. D. h. die Angewiesenheit des Menschen auf ein Nicht-Ich steht im Mittelpunkt dieser Sicht vom Menschen. Das Nicht-Ich als Selbst und als Welt bildet die Basis der Entwicklung des Ich, des Bewusstseins und der Persönlichkeit.
 
Die Ich-Selbst-Beziehung
Die schöpferische Qualität des Menschen als eines homo creator wurzelt in der Verbundenheit des menschlichen Ich mit der sein Ich überragenden und umfassenden Ganzheit in einer Ich-Selbst-Beziehung. Die menschliche Ich-Selbst-Struktur ist ihrem Wesen nach paradox, weil in ihr der mit dem Ich verbundene Bewusstseinsaspekt sich als unlösbar mit dem verbunden erweist, was wir als „Unbewusstes“ bezeichnen. So wie das Ich und das Bewusstsein, wie wir sagen, „aus“ dem Unbewussten entstehen, ist der Mensch als schöpferisches Ich fortlaufend auf seinen Zusammenhang mit diesem ihm Unbekannten angewiesen, das er „selber“ ist, ohne dass er zu wissen imstande ist, was dieses „er selber“ eigentlich sei.
 
Diese grundsätzliche Irrationalität, die mit dem Dasein des Menschen als einem Ich- Selbst gegeben ist, schränkt die Bedeutung des Bewusstseins keineswegs ein, solange dem Ich die irrationale Grundlage seiner Existenz gegenwärtig bleibt und solange es nicht vergisst, dass es der Garant der Ich-Selbst- Ganzheit für den schöpferischen Zusammenhang mit sich selbst, der menschlichen Umwelt, der Welt und der umfassenden Einheits- Wirklichkeit ist (vgl. Neumann 1959).
 
Diese Zusammengehörigkeit des Ich mit einem Du und seine Angewiesenheit auf dieses prägt schon die früheste Ich-Entwicklung, in welcher die Mutter als das Du, welches für die kindliche Persönlichkeit Welt, Selbst und menschliche Gemeinschaft in einem ist, die entscheidende Rolle spielt. Die Bedeutung dieser ersten Phase der Entwicklung für den Aufbau der Psyche besteht u. a. darin, dass das Ich durch die Erfahrung seines Verwurzeltseins in einem Du zur Sicherheit seiner eigenen Ich-Selbst-Einheit gelangt, welche das schöpferische Dasein des Kindes und später des Erwachsenen ermöglicht, das in offener Spontaneität nach innen und außen reagiert.
 
Mit dem Eintreten jedes Menschen in die Welt beginnt ein neuer schöpferischer Prozess. Das überpersönliche Dasein schränkt sich zu einer persönlichen Wirklichkeit ein, es erscheint als ein in die Einheitswirklichkeit eingesenkter schöpferischer Kern, dessen Aufgabe es ist, sich in seinem Selbst-Sein inmitten eines mit ihm verbundenen Andersseins zu entfalten. [...]
 
Der Zusammenhang zwischen der modernen Bewusstseinsentwicklung, dem Verlust der ursprünglichen schöpferischen Anlage jedes Individuums und den psychischen Erkrankungen des modernen Menschen ist augenfällig. Ebenso deutlich ist, dass der Rückgriff auf das Schöpferische im Menschen die einzige Möglichkeit eines Heilungsweges ebenso für den modernen Menschen ist wie für den kranken Menschen, dessen Ab-Wegigkeit nur das Deutlichwerden eines allgemeinen vom Weg Abgekommenseins ist. [...]
Wenn es uns nicht genug ist, die Welt des Kranken zu verstehen und zu beschreiben, müssen wir das Wesen der Therapie darin erfassen, die in jedem Kranken auf andere Art gestörte Grundqualität des Menschen wiederherzustellen, ein homo creator, ein schöpferischer, nicht aber seine Entartung, ein homo faber, ein fabrizierender Mensch zu sein. [...]
 
Selbst-Entfremdung
Das gefährliche Ergebnis der für das Abendland typischen Bewusstseins-Entwicklung ist eine Selbst-Entfremdung des Menschen, der nur als ein Ausschnitt seiner Ganzheit lebt. Mit dieser Bruchstückhaftigkeit wird die Grundlage der Persönlichkeit als eines Ich-Selbst- Seins verdunkelt, denn das fragmentarisch verengte Dasein des Menschen ist identisch mit dem Verlust der Erfahrung, in einem Großen und Umfassenden zu wurzeln. Das führt nicht nur zu Angst und Schuldgefühl, sondern zur Vereinsamung und, über das Erleben der eigenen Sinnlosigkeit, in die Verzweiflung.
 
Damit dass das Ich sich unbewusst oder bewusst als Fragment der ursprünglichen Ich- Selbst-Ganzheit erfährt, welches seiner ursprünglichen schöpferischen Bezogenheit verlustig gegangen ist, erweist sich aber auch die Welt als fragmentarisch geworden, als verengt und beengend, oder sie geht in Stücke.
Mit dem Verlust der Verwurzelung, die in der schöpferischen Bezogenheit des Ich zum Selbst besteht, ist nicht nur die Sicherheit, Vertrauen und Glauben gebende Beziehung des Menschen zu sich selber zerstört, sondern auch die Beziehungsfähigkeit überhaupt, die zum Mitmenschen ebenso wie die zur Welt. Süchte und Hörigkeitsbeziehungen verschiedenster Art, Regressionszustände und Depressionen sind Ausdruck dieser Entwurzeltheit und der Versuche der Psyche, sie zu kompensieren.
 
Eine Psychotherapie, welche den Einzelnen nur zur Anpassung an den psychisch inadäquat gewordenen Kanon unserer Zivilisation bringt, ohne seine genuine Schöpferischkeit zu befreien, ist deswegen eine Scheinlösung. Obgleich der Mensch nun nicht mehr im Anpassungssinne krank ist, ist er - ebenso wie seine Welt - in Wirklichkeit fragmentarisch geblieben und hat nicht seinen eigenen Wurzelgrund erreicht.
 
Mit einer derart wurzellosen Angepasstheit ist der Mensch aber den Bedrohungen unserer Zeit nicht gewachsen. Seine trotz aller Anpassung nihilistische Vereinsamung, in der die fundamentale Angewiesenheit des Ich auf das Du als Selbst und als Mitmenschen verkannt wird, wird dann überaus häufig durch politische oder religiöse Vermassungsphänomene kompensiert, welche eine eminente psychische Gefahr nicht nur für den Einzelnen, sondern für die Menschheit überhaupt bilden.
 
Therapeutische Übertragung
Das Übertragungsphänomen ist die grundlegende Neu-Konstellation, in welcher dem verlassenen und sich verloren gebenden Ich sein Ich-Selbst-Sein als schöpferische Konstellation des menschlichen Daseins wieder zur Erfahrung kommt. In diesem Prozess übernimmt der Therapeut die Rolle der umfassenden Ganzheit, in welche das Ich sich von neuem einwurzelt. Das Selbst des Therapeuten tritt zunächst stellvertretend für das vom Ich abgespaltene Selbst des Erkrankten ein, dessen Ich dann im Heilungsprozess den Wiederanschluss an das eigene Selbst und die Wiederherstellung des eigenen schöpferischen Ich- Selbst-Seins erreicht.
 
Die schöpferische Bezogenheit des Therapeuten nicht nur auf sein äußeres Gegenüber und das Selbst des Patienten, sondern auch auf sein inneres Gegenüber, sein eigenes Selbst, ist die Voraussetzung für die Heilung. Wenn auch zunächst im analytischen Prozess die persönliche und überpersönliche Figur des Selbst nur auf der Seite des Analytikers sichtbar zu werden scheint, bildet doch die Beziehungseinheit des vom Ich abgespaltenen Selbst des Kranken mit dem Selbst des Analytikers den eigentlich wirksamen Hintergrund der Übertragung.
 
Die Möglichkeit des Analysanden, von der Enge seines Ich zur Offenheit seiner Ich- Selbst-Wirklichkeit zu gelangen, ist mit davon abhängig, dass das Ich des Arztes die Humilitas dem Selbst gegenüber erfahren und erworben hat, die ihn daran verhindert, sich mit dem Überpersönlich-Heilenden der Psyche, das sich seiner bedient, zu identifizieren. Ein chassidischer Satz sagt: Wenn jemand einen anderen belehren will, dann bedenke er, „dass auch die Seele seines Mitmenschen an den Schöpfer gebunden und ihm hingegeben ist, und dass er vor Gott steht und lehrt“ (Birnbaum 1920, S. 18).
 
Weder die distanzierte Haltung eines sich aus der Übertragung heraushaltenden, noch die inflationierte eines mit der Heilbringerfigur sich identifizierenden Ich erfüllt das schöpferische Zusammen der Übertragung, die, wie Jung darzustellen versucht hat (Jung 1946), immer einen Wandlungsprozess bedeutet, in den beide Menschen, Patient wie Therapeut, eingeschlossen und dem beide ausgesetzt sind. Denn der Therapeut ist kein wissender, sondern ein fragender, dem Antwortgebenden gegenüber offener Mensch.
 
Dies Antwortgebende aber ist nicht er als Ich und als Ich-Bewusstsein, sondern die vom Ich des Patienten abgeschlossene schöpferische Psyche, mit der die Ich-Selbst-Einheit des Therapeuten hörend, verstehend und folgend verbunden ist.
 
Soweit ein Problem mit Hilfe unseres Bewusstseins „lösbar“ ist, reicht es nicht an den Kern unserer das Ich übersteigenden Persönlichkeit. Ein echter Konflikt setzt immer eine Seite der Persönlichkeit voraus, die sich mit dem Ich und dem Bewusstsein des Menschen in einem unlösbaren Widerspruch befindet. Unlösbar deswegen, weil die Lösung, für welche Ich und Bewusstsein sich oft mit höchster Intensität einsetzen, für eine „andere Seite“ der Persönlichkeit untragbar ist.
 
Die transzendente Funktion
In dieser Konfliktsituation, für welche die eigentliche Psychotherapie zuständig ist, erweist sich das Schöpferische der Psyche darin, dass es im Sinne einer intercessio divina in Träumen, Phantasien, Visionen etc. spricht und zu neuen Entwicklungen und Wandlungen der Persönlichkeit führt. Diese schöpferische Qualität des Unbewussten, die eigentlich besser als die schöpferische Qualität der Psyche und des Selbst zu bezeichnen ist, findet ihre deutlichste Repräsentation in dem, was Jung als „transzendente Funktion“ der Psyche beschrieben hat (Jung 1921) welche als ein schöpferisch Drittes aus dem Konflikt geboren wird, in dem sich die konfliktgespannte Psyche befindet.
 
Es ist unverständlich, dass diese entscheidende und bedeutsamste Entdeckung Jungs, dessen Wirkung ja zum Teil darin besteht, dass seine wesentlichen Entdeckungen von allen Seiten so erfolgreich und fruchtbringend entlehnt werden, bis heute nicht zu der Revolution in der Auffassung des Menschen geführt hat, die notwendigerweise mit ihr verbunden ist. Die transzendente Funktion ist der Ausdruck nicht nur der schöpferischen, sondern zugleich auch auf Ausgleich und Ganzheit hin tendierenden Psyche. Dass das Gesetz der psychischen Kompensation für das Verständnis des Menschen grundlegend ist, wird allmählich überall eingesehen. Die schon in weiten Kreisen herrschende Auffassung, auch die Psychose sei ein Kompensationsversuch der Psyche, ist für diese Entwicklung charakteristisch.
 
Dass die transzendente Funktion einen Konflikt zwischen dem Ich und entgegengesetzt tendierenden Teilen der Persönlichkeit voraussetzt, ist nur ein Sonderfall der Angewiesenheit alles schöpferischen Lebens auf eine Spannung, einen Konflikt, ein Gefälle. Deswegen hat die Psychotherapie immer sowohl die Ich-Psychologie wie die Psychologie des Unbewussten und des Selbst zu berücksichtigen, niemals genügt die Betonung nur der einen Seite dieser Gegensatzspannung. Allerdings kann mit der Erkenntnis von der schöpferischen Ich-Selbst-Existenz des Menschen die dem Ich gegenüberstehende Seite auch nicht mehr als ein Es, sondern muss nun als ein Du erfahren werden.
 
In diesem Sinne erfassen wir heute auch die dem Ich-Bewusstsein gegenüberstehende Psyche, auch wenn ihre Sprache archaisch ist, nicht als das, was wir „anzupassen“ und dem „Realitätsprinzip“ zu unterwerfen haben, sondern als etwas, dessen Mitteilungen und Ausdrucksformen sorgsam zu berücksichtigen sind, ja das wir oft als führend und wissend anzuerkennen haben, wie jedes echte Verständnis eines Traumes uns lehrt. [...]
 
Traum und Imagination
Die Erfahrung der Sinnhaftigkeit des Traumes und der dirigierenden Bedeutung des Symbols ist ein entscheidender Weg, nicht nur für eine Daseinsdeutung des Kranken, sondern für eine Daseinsdeutung der Welt und der Stellung des Menschen in ihr. Dass es ein Ich-Überlegenes in ihm selber gibt, das sich ausspricht, das nach Ganzheit strebt, nach Ganzheit des Menschen ebenso wie nach Ganzheit des Seins in einer ganzen Welt - ist das Schlüsselphänomen jeder Psychotherapie, die auf dem Schöpferischen des Menschen fußt und von ihm ausgeht.
 
Das, was man „Technik“ der Analytischen Psychologie nennen kann, ist nur von dieser Grundposition des menschlichen Daseins als eines schöpferisch Psychischen her zu verstehen. So wie die auf der kompensatorischen Funktion der Psyche aufgebaute Traumdeutung die Erfahrung eines Wissens ermöglicht, welches, wie das der Instinkte, früher und tiefer ist als das so oft fehlgehende Wissen des Bewusstseins, führt die aktive Imagination, das aktiv handelnde und erfahrende Hineingehen des Ich in die spontan auftretende Welt der Phantasie, zur Begegnung des Ich mit den Mächten und Bildern einer größeren und wissenderen Welt. Dabei ist es gleich, welchen Weg der einzelne Mensch bei seiner Erfahrung der schöpferischen Psyche geht, ob er malt oder tanzt, modelliert oder schreibt.
 
Die neue Chance des Menschen, der über die gewandelte Erfahrung der Welt und des Unbewussten seiner Ich-Selbstheit wieder habhaft wird, schließt die anthropozentrische Stellung des Ich und die numinose Erfahrung des Selbst als der lebendigen Mitte des Ich und als eines größeren Du ein. Aber unablöslich verbunden mit dieser Ich-Selbst-Erfahrung ist die Erfahrung von der Verwurzelung des Einzelnen in der Welt und der Menschheit, welche die Manifestationsorte des Selbst sind.
Das schöpferisch Menschliche des Einzelnen ist unabtrennbar von seiner Verwachsenheit mit der Menschheit, deren geistig-seelische Urbilder und Triebe in ihm zur Offenbarung gelangen. Die Rückverbindung des Ich des Menschen mit seiner eigenen ichüberlegenen Tiefe macht ihn niemals nur für sich selber, sondern immer auch für das Ganze der Menschheit, als deren Glied und Repräsentant er existiert, schöpferisch.
 
Persona und Schatten
Das, was die Analytische Psychologie als Arbeit an der Persona und am Schatten bezeichnet, muss in diesem Sinne verstanden werden, und es scheint mir wichtig, die für jede Psychotherapie vorhandene Gültigkeit dieses Aspektes zu beleuchten. Die Bewusstwerdung der Scheinpersönlichkeit, der Persona, hat zugleich mit der Erkenntnis von der notwendigen Anpassungsleistung, die sie besonders in der ersten Lebenshälfte bedeutet, klarzustellen, dass die Persona eine der üblichen Erstarrungsgefahren der Persönlichkeit bildet. Sie steht im Gegensatz zu der Offenheit gegenüber der Welt und dem Selbst, welche zu den Grundvoraussetzungen des Schöpferischseins gehört.
 
Mit der Bewusstwerdung des Schattens und dem Versuch, ihn zu verarbeiten, betritt der Mensch die Domäne des moralischen Problems in seinem personalen und transpersonalen Aspekt. Soweit der Schatten durch die Verdrängung und Unterdrückung der dem Kollektiv nicht erwünschten Eigenschaften des Individuums konstelliert wird, wobei das Unerwünschte je nach Zeit und Kultur wechselt, kommt es zur Bewusstwerdung und Befreiung des Individuums als eines schöpferischen Wesens, das zutiefst mit der Erfahrung des Konfliktes und damit des Leidens verbunden ist. Das Annehmen dessen, was vom Kollektiv als böse angesehen wird, kann zu den Notwendigkeiten der Befreiung des Schöpferischen gehören, wie jede Revolution lehrt, die politische wie die religiöse, die ja immer mit dem verbrecherischen Zerbrechen alter Werte verbunden ist. (Neumann 1949)
 
Das Problem des persönlichen Schattens hängt mit dem überpersönlichen Problem des Bösen, dem Bösen in der Menschheit, in der Schöpfung und in der Gottheit unlösbar zusammen. Das Erleiden dieses Problems wird keinem ernsthaften Menschen erspart, denn wenn das Schöpferische zum Wesen des Menschen gehört, so kann er auch nicht der Problematik der Schöpfung und des Schöpfers entgehen, welche durch das, was der Mythos den Teufel nennt, mitgeprägt sind.
 
Das Selbst
Die primär erhaltene oder die wiedergewonnene Beziehung des Ich zum Selbst ist die Voraussetzung für jede überpersönliche Erfahrung und für jede schöpferische Bezogenheit des Menschen. Deswegen ist die moderne zur Fragmentpersönlichkeit führende Normalentwicklung für die in unserer Kultur schöpferischen Menschen nicht gültig. Das macht sie zwar in einem gewissen Sinne zu Außenseitern, gleichzeitig aber auch für jeden, dem an der Heilung des Menschen und an der Gesundung unserer Kultur liegt, zu Vorbildern.
 
In jedem schöpferischen Menschen ist nicht nur die Erfahrung lebendig, in einem Größeren zu wurzeln und auf dieses fortlaufend angewiesen zu sein, sondern darüber hinaus ist seine offene Spontaneität Ausdruck des Wissens, dass er „gemeint“ ist, d. h. dass sein Dasein von ihm und mit ihm etwas will. Dass dieser Wille in ihm ein größerer Wille ist als der des Ich, zeigt sich in dem dauernden Konflikt, in dem der kleine Ich-Wille dem großen Willen widersteht oder folgt, durch seine annehmende Bereitschaft schöpferisch verstärkt wird oder sich im Widerstand gegen Ihn aufreibt. Erst auf dieser grundsätzlichen Erfahrung, dass jeder Einzelne [...] ein einzigartiges und einmaliges Kreatorisches ist, beruht die Möglichkeit des Schöpferischen ebenso wie die der Sinnerfahrung jedes Menschen.
 
In diesem fundamentalen Sinne schöpferisch zu sein, bedeutet weder, ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft, noch aber ein Künstler zu sein. Die Offenheit, um die es hier geht, ist in jeder noch so bescheidenen Lebensform möglich und kann in jedem angeblich künstlerischen Dasein unerfüllt sein, denn nur die Übereinstimmung des Menschen mit seiner echten Persönlichkeitsganzheit ist die Gewähr für den ihm adäquaten schöperischen Ort in der schöpferischen Welt.
 
Die Einheitswirklichkeit
Das Symbol dieser Welt aber ist die Innen-Außenwelt umfassende Einheitswirklichkeit, welche das schöpferische Dasein selber ist, das sich in uns und um uns ausspricht und dessen Erfahrung die „Große Erfahrung“ ist, um die alles Schöpferische des Menschen kreist (Neumann 1959).
 
Überall wo das Menschliche für die schöpferische Begegnung mit dieser aller Wirklichkeit zu Grunde liegenden Einheitswirklichkeit offen ist, kommt es in gleicher Weise zur Welt wie zu sich selbst. Dabei werden Welt wie Selbst Symbol einer Grunderfahrung, in der das Dasein nicht nur zur Heilung und zum Frieden kommt, sondern als ein immer Heiles und Schöpferisches durchsichtig wird. Wir können hier auf dieses Phänomen der Einheitswirklichkeit als letzte Peripherie zu der wir durchstoßen, wie als innersten Kern, von dem wir mit der Kraft zu diesem Durchstoßen begnadet werden, nur hinweisen.
 
Aber dieser Hinweis ist deswegen notwendig, weil es diese Einheitswirklichkeit ist, von der die schöpferischen Bilder der menschlichen Psyche aussagen und die immer und überall als eigentliche Wirklichkeit des Lebendigen sichtbar wird, die Schöpferisches und Heilendes zugleich ist.
 
Diese Einheitswirklichkeit aber ist nicht nur umfassende Welt, welche das menschliche Sein aus sich hat entstehen lassen, sondern sie kommt in der Ich-Selbst-Einheit des Menschen als einer einmaligen Wirklichkeit auch zu ihrer höchsten Deutlichkeit, indem sie in seiner Erfahrung transparent wird. Die Schöpfung ebenso wie das Schöpferische sind ein alles Bewusstsein transzendierendes Phänomen, und als homo creator ist der Mensch immer auch ein homo mysticus.
 
Die paradoxe Situation der Psychotherapie, dass in einer Zeit, in der unzählige Menschen physisch und psychisch in Gefahr sind, ein oft jahrelang dauernder und häufig bis ans Äußerste gehender Einsatz geleistet wird, um einem einzelnen Menschen zu helfen, ist nur berechtigt, weil dieser Bemühung die Grundwahrheit zu Grunde liegt, die ein jüdischer Satz mit den Worten formuliert hat: wer die Seele eines Menschen rettet, dem werde es angerechnet, als ob er die ganze Welt gerettet habe.
 
Die Kostbarkeit, die der Einzelne ist, der eine einmalige Welt und eine einmalige Offenbarung des Schöpferisch-Göttlichen inkarniert, ist die Berechtigung für unsere - quantitativ gesehen - höchst fragwürdige Arbeit. Sie ist aber auch die Grundlage dafür, dass ein so als Kostbarkeit gesehener und erfahrener Mensch sich selber so zu sehen und zu erfahren lernt und [...] schöpferisch gesundet. In dieser Gesundung aber bekommt sein Leben Sinn, wird aber auch sein Dasein sinnvoll für die Welt. Wie ein chassidischer Satz es formuliert hat: „Jedermann soll wissen und bedenken, dass er in der Welt einzig ist in seiner Beschaffenheit und keiner ihm gleich war je im Leben, denn wäre je einer ihm gleich gewesen, dann brauchte er nicht zu sein. Aber in Wahrheit ist jeder ein neues Ding in der Welt, und er soll seine Eigenschaft vollkommen machen. Denn weil sie nicht vollkommen ist, zögert das Kommen des Messias“ (Buber 1928, S. 150).
 
Zusammenfassung
Die schöpferische Wirklichkeit des Menschen beruht auf der Zusammengehörigkeit des personalen Ich mit dem transpersonalen Selbst, dem Zentrum der Bewusstsein und Unbewusstes umfassenden Psyche. Das menschliche Ich ist seiner Natur nach abhängig von dem ihm unbekannten aber zu ihm gehörenden Nicht-Ich und Du als Selbst und als Welt. Der therapeutische Zugang der Analytischen Psychologie besteht darin, die dem kranken modernen Menschen verloren gegangene Ich- Selbst-Einheit auf dem Wege über die Übertragung und die Erfahrung der schöpferischen Psyche wiederherzustellen. Die Konzeptionen der Analytischen Psychiatrie beruhen ebenso wie ihre „Technik“ auf dem von Natur her gegebenen Schöpferischsein des Menschen als einer Einheit von Ich und Selbst.
 
Literatur
Neumann, E. (1959): Der schöpferische Mensch. Zürich: Rhein
Jung, C. G. (1928): Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten. Darmstadt: Reichl
Birnbaum, S. (1920): Leben und Worte des Baalchem, Berlin: Welt-Verlag
Jung, C. G. (1946): Die Psychologie der Übertragung. Zürich: Rascher
Jung, C. G. (1921): Psychologische Typen. Zürich: Rascher
Neumann, E. (1949): Tiefenpsychologie und neue Ethik. Zürich: Rascher
Neumann, E. (1959): Der schöpferische Mensch und die große Erfahrung. Zürich: Rhein
Buber, M. (1928): Die Chassidischen Bücher. Hegner, Hellerau
 
Erich Neumann web
 
Dr. Dr. Erich Neumann, geb. 1905 Berlin, gest. 1960 in Tel Aviv . Er gilt als bedeutendster Schüler C. G. Jungs und hat zentrale Ansätze der Analytischen Psychologie systematisiert, wesentlich differenziert und erweitert. Seine Arbeitsschwerpunkte waren insbesondere die Tiefenpsychologie des Weiblichen, die Entwicklungsgeschichte des Bewusstseins und das Wesen des Schöpferischen und des Transpersonalen.

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die vielen spielerisch-kreativen Methoden. Dennoch
gibt es nur sehr wenige positive Äußerungen
zum Glücksbegriff oder zur Freude bei
Jung.
In einem Interview antwortete Jung auf die
Frage, was nach seiner Ansicht die Voraussetzungen
zum Glücklichsein sind:
„1. Eine gute körperliche und geistige Gesundheit.
2. Gute persönliche, nahe Beziehungen wie
z. B. in der Ehe, in der Familie, und in Freundschaften.
3. Die Fähigkeit, das Schöne in der Kunst
und der Natur wahrzunehmen.
4. Angemessene Lebensbedingungen und
eine befriedigende Arbeit.
5. Eine philosophische oder religiöse Weltanschauung,
die einem helfen kann, mit den
Schwierigkeiten des Lebens erfolgreich zu
Rande zu kommen.“ (Jung, Gespräche mit
C. G. Jung, 1986, S. 313)
Damit benennt Jung durchaus einige der
grundlegenden Faktoren, die auch von modernen
Glücksforschern als zentral bezeichnet
werden. Er ist aber sehr zurückhaltend, was
ein aktives Anstreben und dauerhafteres Erreichen
von Glückszuständen angeht und betont,
dass Leiden und Glück ein dem Leben notwendiges
Gegensatzpaar sind.
„Selbstverständlich kann es ohne Leiden kein
Glück geben. Der deutsche Philosoph Schopenhauer
sagte, Glück sei nur das Ende des
Leidens. Das ist eine etwas negative Definition.
Insofern Leiden ein sehr realer Zustand ist,
muß Glück ebenso real sein. Aber bedauerlicherweise
können die beiden nicht ohne einander
bestehen. Sie sind so eng verbunden,
daß Glück leicht in Leiden umschlägt, wie umgekehrt
intensivstes Leiden eine Art übermenschlichen
Glücksgefühls hervorrufen kann.
Sie bilden ein dem Leben unerlässliches Gegensatzpaar.“
(Jung, Briefe 1, S. 313)
„Alle Faktoren, die man gemeinhin als glückbringend
betrachtet, können unter bestimmten
Umständen das Gegenteil hervorbringen.
Selbst die idealsten Voraussetzungen sind
keine Garantie für das Glück. Eine vergleichsweise
kleine Störung im biologischen oder seelischen
Gleichgewicht kann genügen, um das
Glück zu zerstören. Weder eine gute Gesundheit,
noch günstige finanzielle Verhältnisse,
noch ungetrübte Familienverhältnisse können
einen z. B. vor unsäglicher Langeweile bewahren
- vor einer Langeweile, bei der sogar eine
Veränderung der Verhältnisse, durch eine nicht
zu schlimme Krankheit ausgelöst, eine willkommene
Abwechslung wäre.“ (Jung, Gespräche
mit C. G. Jung, 1986, S. 314 f)
Diese polare Sichtweise von Glück und Unglück
hat aber dennoch dem Glückserleben in
Jungs Werk nur wenig Raum eingeräumt, wenn
man davon absieht, dass die Individuation für
ihn das höchste Glück darstellt (vgl. Zitat S. 8)
Unter den deutschsprachigen Autoren der
Analytischen Psychologie sind es insbesondere
Verena Kast (z. B. Freude, Inspiration,
Hoffnung, 1991), Lutz Müller (z. B. Trotzdem ist
die Welt ein Rosengarten, 1996, 2010) und Riedel
(z. B. Geschmack am Leben finden, 2004),
die in ihren Büchern immer wieder auch die
positiven Aspekte des Lebens in den Mittelpunkt
stellen. Verena Kast hat beispielweise
empfohlen, neben der üblichen Krankheitsanamnese
auch eine Glücks- und Freudenanamnese
zu erheben und diesbezüglichen Tabuisierungen
und Hemmungen therapeutisch
aufzuarbeiten.
Gleichwohl entsteht der Eindruck, dass die
Analytische Psychologie im Hinblick auf den
bewussten Einbezug von Glücks- und Wohlfühlfaktoren
in ihr Persönlichkeits- und Behandlungskonzept
noch einigen Nachholbedarf
hat. Dabei sind wir überzeugt, dass dies
rasch und mühelos gelingen kann, weil die
Grundausrichtung der Analytischen Psychologie
schon immer ganzheitlich, kreativ, final-prospektiv
orientiert ist.
Wir würden uns freuen, wenn es den Autoren
dieses Heftes gelingen würde, auch in Ihnen
Hoffnung und Begeisterung dafür zu wecken,
dass Dankbarkeit, Freiheit, Liebe, Freude,
Glück, Humor und schöpferisches Leben Werte
sind, für die es sich lohnt, zu leben.
Ihre Anette und Lutz Müller
 

INHALTSÜBERSICHT


  • EDITORIAL
    SCHWERPUNKT:

    Das Schöpferische
  • Rainer Funk
    Kreativität heißt geboren werden, bevor man stirbt
  • Thomas Schwind
    Kreativität in der Psychotherapie
  • Lutz Müller
    Das Schöpferische bei C. G. Jung und Erich Neumann
  • Henning Weyerstrass
    Das Rote Buch von C. G. Jung
  • Erich Neumann
    Das Schöpferische als Zentralproblem der Psychotherapie
  • Margarete Leibig
    Das Schöpferische in der Entwicklung
  • Astrid Müller
    Malen aus dem Unbewussten als intrapsychischer Prozess
    in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
  • Klaus Antons
    Jung-Stein-Zeit
  • Anna Elisabeth Röcker
    Das Schöpferische in der Musik
  • Gerhard Heydt
    Schöpfung und Erschöpfung
    Einige Betrachtungen zum Oratorium Die Schöpfung von Joseph Haydn
  • Ludger Verst
    Zeit der Schöpfung – oder: Wie Gott zur Welt kommt


    FÜR SIE GESEHEN
  • Dieter Volk
    Das Mädchen und der Künstler – Ein filmisches Stilleben
    Ein Film von Fernando Trueba, 2012
     
     
    BERICHTE

  • Sabine Grumann
    C. G. Jung & Erich Neumann – Neue Einblicke in einen fast vergessenen Dialog
    Symposium anlässlich der deutschen Erstveröffentlichung des Jung-Neumann
    Briefwechsels 21.11.2015

AKTUELLE AUSGABE


Aktuelles Heft

Heft Nr. 35 • März 2016
Hinweis für den Buchhandel (Libri): Jung Journal 35 • Forum für Analytische Psychologie und Lebenskultur • (Broschiert) •
von Prof. Dr. Lutz Müller (Herausgeber) • ISBN: 978-3-939322-35-1

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